ANDACHT

 

„Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh dir andre an: es ist in allen.
Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält.“

Rainer Maria Rilke

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Es sind doch Herbstgedanken, werden Sie wohl sagen und mit Recht. Aber ist es nicht unsere Zeit, in der so viel zerbricht, so viel fällt, so viel endet? Aber ich möchte da nicht stehen bleiben, sondern weiter sehen und weiter gehen, dorthin, wo unsere Zukunft liegt, in dem, was ins Leben drängt im Licht des Heiligen Abends.

Die Erzählung der Geburt Jesu in Bethlehem berührt die Menschen seit nahezu zwei Jahrtausenden wie kaum eine andere. Auch uns. Doch was macht sie mit uns? Unmittelbar vor der Erzählung steht bei Lukas der Lobgesang des Zacharias und darin ein eindrucksvolles Bild:

„…die herzliche Barmherzigkeit unseres Gottes, durch die uns besuchen wird das aufgehende Licht aus der Höhe, damit es erscheine denen, die sitzen in Finsternis und Schatten des Todes und richte unsere Füße auf den Weg des Friedens“.

Licht, Tod, Frieden. Wie wird daraus ein Weg, eben der Weg des Friedens?

Rainer Maria Rilke beschreibt in seinem Herbstgedicht das Leben, das Leben des Einzelnen, eben meinen Weg als Mensch, der unweigerlich auf seinen Tod zugeht. Er beschreibt aber auch das Wesen der damaligen Gesellschaft, das Fallen, den Ruin. Ist das nicht auch unsere Gegenwart? Bricht nicht vieles  zusammen, was uns bis vor kurzem noch fest und unwandelbar schien? Die Kirchen, die immer leerer werden, die Volksparteien, denen die Wähler davon laufen, Gemeinschaften, die zerbrechen. Es ist ein Fallen, wie im Herbst die Blätter fallen. Wie gehen wir damit um? Wir können es beklagen. Wir können dagegen ankämpfen. Wir können resignieren und in Depression fallen. Wir können die Augen verschließen und so tun, als ginge es schon irgendwie weiter. Das sind Wege, die ins Nichts führen. Es gibt aber einen anderen Weg.
„Wir sind Bienen des Unsichtbaren“, sagt Rilke. Was tun die Bienen? Sie sammeln Nektar, unermüdlich. So sammeln auch wir, naschen am Nektar des Unsichtbaren, des Ewigen. Damit bleibt unser Blick nicht an den Ruinen hängen, nicht am Fallenden und Zerfallenden, sondern er geht tiefer und weiter darüber hinaus. Denn jenseits des Fallenden gibt es etwas, das entstehen will, jenseits des Sterbenden gibt es etwas, das geboren werden will, neu ins Leben drängt. Dann spüren wir und entdecken wir das, was im Entstehen ist, im Wachsen begriffen ist. Dann bricht sozusagen das Transzendente in das Immanente, das Ewige, das Göttliche in das zutiefst Weltliche. Ich glaube, dass wir viele Spuren des Wachsenden, des Entstehenden erkennen können, in den Kirchen, in der Gesellschaft, ja auch in unserem Leben. Wenn wir dann ermutigt, voller Freude und Liebe diese Chancen ergreifen und etwas dazu beitragen, dann sind wir wirklich auf dem Weg des Friedens. Es ist vielleicht das größte Geheimnis, gewiss aber die größte Hoffnung, dass diese oft gnadenlos erscheinende Welt in den unendlich sanften Händen dessen ist, der sie geschaffen hat. Das feiern wir am Heiligen Abend und hoffentlich an vielen Tagen des kommenden Jahres.

Ich wünsche Ihnen und uns allen im Namen des Kirchenvorstandes, Pfarrer Dörings und der Mitarbeiter ein gesegnetes Fest.

Pfr. i.R. Geert Beyer