ANDACHT

 

Liebe Gemeinde,

das Bild zeigt die Kerze, welche seit dem Osternachtgottesdienst auf dem Altar in unserer Kirche steht. Ich möchte Sie einladen, die Osterkerze mit mir zu betrachten.
Wenn ich als Ruheständler mit nunmehr fast 73 Jahren bedenke, wie sich die Welt, in der ich lebe, seit meiner Kindheit verändert hat, dann erfüllt mich Dankbarkeit für ein Leben in relativer Sicherheit und stets wachsendem Reichtum, der in den 50er Jahren schier unvorstellbar war. Wenn ich mir vorstelle, wie meine Enkelkinder einmal leben werden, wenn sie mein Alter erreicht haben, was ich nicht nur ihnen von Herzen wünsche, dann beschleicht mich Angst und Sorge in einer Zeit, in der Bedrohung und Egoismus rasant wachsen. Wenn Sie am Schluss der folgenden Betrachtung noch einmal diese wunderschönen zarten Zweige betrachten und sich vorstellen, in Ihnen würde so ein Zweig wachsen: was möchten Sie in sich wachsen sehen?
Ist der Weg der Liebe zu Ende, bleibt der Weg des Rechts.
Eine kurze Überlegung zu diesem Satz: Ein Weg der Liebe ist immer zugleich ein Weg des Rechts und des Gesetzes. Gilt das aber auch umgekehrt? Was geschieht, wenn Recht und Gesetz nicht mehr gepaart sind mit Liebe? Das Dilemma ist in der ganzen Geschichte und auch heute deutlich erkennbar. Was jetzt immer offensichtlicher wird, ist ein Rechtsempfinden und entsprechendes Handeln, das sich vor allem an eigenen Interessen und eigenen Gruppen orientiert und gegen andere und gegen die Natur gerichtet ist. Ich habe das Wort von Erich Mielcke noch im Ohr: „Ich liebe doch alle Menschen“. Er hat es wohl selbst geglaubt. Doch galt seine Liebe tatsächlich nur der Partei und ihren Interessen. Wohin führt der Weg des Rechts, wenn er der Weg des eigenen Rechts ist? In was für einer Welt werde ich leben? Ich weiß es nicht. Aber ich möchte in keiner Welt leben, die geprägt ist durch Selbstherrlichkeit und hinter Mauern, in der die Sprache des Hasses und der Verachtung gesprochen wird.
Mein Blick fällt auf diese wunderschöne und vielsagende Osterkerze, welche unsere Junge Gemeinde für uns alle gestaltet hat. Ich lasse meine Augen ein wenig auf ihr wandern. Damit ich es ungestört kann, nehme ich erst einmal gedanklich alles weg, was bedeckt oder ablenkt; die grünen und goldenen Blätter sowie die hellbraunen Zweige. Was bleibt ist ein Baum, in Form eines schönen breiten und geraden Holzkreuzes.
Gedanken zu diesem Kreuz: Schöne gerade und breite Wege. Wir kennen sie. In Braunschweig wohnte ich einmal an der Jasperallee, eine Prachtstraße, breit und gerade. Sie sollte einmal die ganze Stadt durchschneiden, gebaut für Paraden und Aufmärsche. In Dresden die Wilsdruffer Straße. Ich erinnere mich an Berichte von den Paraden zum 1. Mai in der DDR-Zeit. In Jerusalem die Via Dolorosa. Jesus trägt sein Kreuz mit den anderen Verurteilten, die Menschen stehen Spalier, die Soldaten eskortieren den Weg zum Tod. Der gerade Weg. Nichts gegen Recht und Ordnung.
Aber etwas fehlt!
Ich füge alle Teile des Bildes auf der Kerze wieder zusammen. Alles Grüne, Goldene, Hellbraune, alles Ungerade füge ich wieder zusammen. Und ich spüre deutlich den Unterschied und schmerzlich, was vorher gefehlt hat. Denn jetzt ist hier Leben, pulsierendes Leben, ja etwas Verwirrendes - eben quirliges junges Leben. Frisches junges Grün sprießt aus dem tot geglaubten Holz. Das Leben kennt keine Grenze. Es wächst über menschengesetzte Grenzen hinaus. So ist eben der Weg der Liebe, der Weg, den Jesus gegangen ist, der Weg, auf den er die Menschen geführt hat.
Mit dieser Kerze lädt uns auch unsere Junge Gemeinde auf diesen Weg ein!
Auf diesem Weg möchte ich mitgehen - mit Ihnen und allen, die mitkommen wollen.

Ihr Geert Beyer