ANDACHT

Liebe Gemeinde,

Frank Richter hat beim Politischen Nachtgebet am 11. Juni die Dreifaltigkeits-Ikone von Andrei Rubljow beschrieben und interpretiert. Ich nehme die Anregung gern auf dem Titelbild auf. Jetzt in der langen Trinitatis-Zeit, die nicht viele Feste in sich fasst, nehme ich Gelegenheit, die Grundstruktur unseres christlichen Glaubens an den dreifaltigen Gott zu thematisieren.
Rubljov gilt als einer der größten Meister der russischen religiösen Malerei; 1551 schrieb ein Rat der RussischOrthodoxen Kirche seine Kunst als ein Leitbild für die kirchliche Malerei fest. Er lebte zwischen Ende des 14. Jhs. und Anfang des 15. Jhs. als Mönch im 70 km von Moskau entfernten Kloster der Dreifaltigkeit und des heiligen Sergius. Dann ging er nach Moskau in das Kloster St. Andronicus und starb dort 1430.
Die für die orthodoxe Kirche typischen Ikonen weisen eine eigentümliche Charakteristik auf. Farben, die relative Größe der Figuren, ihre Positionen und die Perspektive des Hintergrunds haben symbolischen Charakter. Die biblischen Personen sind häufig frontal und axial dargestellt, um eine unmittelbare Beziehung zwischen Bild und Betrachter herzustellen. Die Heiligenscheine und der goldfarbene Hintergrund symbolisiert den Himmel bzw. das 'göttliche' Licht. Auffallend ist die Zweidimensionalität und die nicht naturalistische Malweise, mit der betont wird, dass die Ikonen Abbild der Wirklichkeit sind, nicht die Wirklichkeit selbst. Ikonen wollen Ehrfurcht erwecken und eine existenzielle Verbindung zwischen Betrachter und Dargestelltem, also Gott, schaffen. Sie dienen der Vergegenwärtigung christlicher Wahrheiten. Eine Ikonenverehrung meint niemals das Bild, sondern immer die hinter dem Bild präsente Wahrheit. Ikonen gelten in der orthodoxen Tradition als Fenster in die geistliche Welt.
Interessant ist die theologische Begründung der Ikonendarstellung Gottes durch Johannes von Damaskus: Die Inkarnation Gottes in Christus („Fleischwerdung“) ermögliche die bildliche Darstellung; das mit der Unsichtbarkeit Gottes begründete Bilderverbot im Alten Testament sei damit über-wunden. Vielmehr bedeute die Ablehnung der Bilder eine Ablehnung der Menschwerdung Christi.
Die Dreifaltigkeitsikone gilt als Rubljovs größtes Meisterwerk. Sie zeigt den Besuch der Dreifaltigkeit bei Abraham, um ihm eine Nachkommenschaft zu verheißen (1. Mose 18). Die drei fast identischen Engel symbolisieren Gott Vater, Sohn und den Heiligen Geist. Jeder Engel trägt ein anders farbiges Kleidungsstück. Blau gilt als die Farbe des Göttlichen. Lila weist auf das Königtum des Vaters hin. Rot ist in der Ikonographie die für Jesus typische Farbe, die seine Menschlichkeit symbolisiert, neben dem Blau, das an seine Göttlichkeit erinnert. Der dritte Engel hat über dem blauen Gewand einen grünen Mantel an, der die Erde und die Botschaft der Erneuerung des Heiligen Geistes anzeigt.
Die Engel in der Mitte und rechts von der Ikone haben ihre Köpfe leicht nach links geneigt, um zu zeigen, dass der Sohn und der Heilige Geist vom Vater gesandt wurden.
Im Hintergrund sieht man das Haus Abrahams, eine Eiche, die an den Baum des Lebens im Garten Eden und das Kreuz erinnert, an dem Christus mit seinem Tod die Welt von der Sünde Adams erlöste.
Frank Richter betonte die Blickrichtung der drei Engel: der Mittlere zum linken, dieser zum rechten, der wiederum zum Betrachter. Damit wird gezeigt, dass Gott in sich selbst Beziehung ist, ein dynamisches Geschehen. Und diese Beziehung zwischen den drei göttlichen Personen zielt auf uns Menschen und schließt uns mit ein. - Wir Lutheraner haben unseren Glauben hauptsächlich in vielen Begriffen und Sätzen der Theologie ausgedrückt. Die orthodoxe Christenheit hat dafür die Ikonen geschaffen. Zwei unterschiedliche Wege, die beide gegangen werden und zum Ziel führen können.

Ihr Pfarrer Gabriel Beyer