ANDACHT

Liebe Gemeinde,

zurück im Dienst nach meiner längeren Krankheit habe ich gleich Gelegenheit, im Gemeindebrief ein Wort an Sie zu richten. Natürlich möchte ich mich herzlich bedanken für die vielen guten Genesungswünsche. Mir geht es wieder gut. Aber das ist nicht die Botschaft, die ich hier auszurichten habe. Was ist denn etzt dran, was muss gesagt werden?
Nachdem ich die beiden Monatssprüche gesichtet hatte und mir dazu nicht so recht eine Idee kommen wollte, meinte ich, etwas über die leidigen Masken schreiben zu können, etwas ganz aus unserem Leben sozusagen. Doch kein noch so origineller Einfall hat meinen Ärger über die Atembehinderung geschmälert und ich merkte, dass das nichts Erbauendes ist, wozu man ja schließlich den Gemeindebrief lesen möchte. Also wage ich mich doch an den Satz des Paulus, den er den Athenern zuruft, um ihnen den gänzlich unbekannten Gott nahezubringen.
Die Behauptung, Gott sei uns nahe, weil er uns umgibt nicht wie, sondern selbst in der Luft, die uns umgibt, klingt auf den ersten Blick nicht hilfreich. Wie wichtig die Luft ist, merke ich ja erst, wenn sie fehlt. Und so Selbstverständliches wie die Luft oder das Wasser sagt mir doch nichts über Gottes Wesen. Da ist ja nichts Besonderes drin, was mein Wissen über bzw. Glauben an Gott bereichern könnte. Das Übliche eben. Müsste aber Gott nicht irgendetwas Spektakuläres sein? Kann ich Gott nicht spüren im Außergewöhnlichen wie die Israeliten im Schilfmeer?
Wohl wegen dieses Irrtums klagen so viele Christen über fehlende Gotteserfahrung. Weil ich auf eine bestimmte, meist spektakuläre Ebene festgelegt bin, in der ich Gott zu erfahren können glaube, bleibt dieses Erlebnis aus. Dabei wissen wir doch, dass das Geheimnis einer stabilen Partnerschaft nicht in den besonderen Urlauben zu suchen ist, sondern im gelingenden Alltag. Sicher gibt es solche Momente, in denen Gottes Hilfe deutlich aufscheint. Doch all das wäre wertlos, hätte ich nicht täglich gesunde Luft zu atmen und eine funktionierende Lunge. Auch wenn es mir bislang selbstverständlich erschien und Millionen anderen Menschen auch, ist es doch eine Gabe Gottes. Und die ganz normalen Tage sind es, an denen ich meine Familie besonders brauche und schätze, auch wenn es mir nicht immer bewusst ist. Erst wenn so etwas fehlt, merken wir, wie wichtig es war und ist.
Gott begegnet uns im ganz Normalen: in den Menschen um uns, in Sonne und Wasser und Luft. Das könnte jetzt ein schöner Schlusssatz sein, hätten wir keine Pandemie und nichts wäre mehr normal. Uns fehlen ja gerade die Menschen, ein Bad im Meer und den Erkrankten die Luft. Ist also Gott weg in der Pandemie, hat Gott uns verlassen?
Die Bibel erzählt uns ja nicht nur von wunderbaren Rettungen wie die im Schilfmeer, sondern auch von Jahrzehnten der Wüstenwanderung, von vielen Anfechtungen. Menschen haben immer auch die Erfahrung des abwesenden Gottes gemacht. Als die Israeliten ins Exil nach Babylon verschleppt wurden nach der Niederlage und Zerstörung des Tempels. Gerade dann ist der Glaube an Gott besonders wertvoll, weil er hilft zu überwintern. Selbst wenn dazu Gott als richtend und strafend gedacht wurde, was ich normalerweise nicht nahelegen möchte. Doch in dem als Strafe erlebten Schicksal ist Gott anwesend. Gott verlässt uns nicht, auch und gerade im Schweren nicht. Nicht einmal im Tod.
Gott ist eben nicht nur in der Luft und im Wasser. Gott ist nicht einzugrenzen auf bestimmte Elemente oder Zustände. Gott ist alles in allem. Selbst im Virus, auch wenn das unseren Glauben wieder auf eine harte Probe stellt.
Auf einen schönen Sommer freut sich

Ihr Pfarrer Gabriel Beyer