ANDACHT

Weh denen, die Böses gut und Gutes böse nennen, die aus Finsternis Licht und aus Licht Finsternis  machen, die aus sauer süß und aus süß sauer machen.

Monatsspruch November Jes 5,20

Liebe Gemeinde,

ganz offensichtlich gab es auch zur Zeit des Propheten Jesaja schon fake-news, und zwar in vielerlei Hinsicht: in Fragen des Geschmacks, des Sichtbaren und der ethischen Bewertung. Das Problem war und ist, zu unterscheiden, was die wahre Aussage ist und was die verfälschte. Welchen Maßstab kann man nutzen, um richtig zu unterscheiden?
Das Kriterium in Geschmacksfragen ist natürlich der je eigene Geschmack. Wenn du süß nennen möchtest, was für mich sauer schmeckt, kann ich dich nicht daran hindern. Über Geschmack muss man nicht streiten. Über sichtbare Dinge muss man oft streiten, weil zu leicht Bilder zu manipulieren sind. Ob das Beweis-Video tatsächlich am fraglichen Ort und Zeit aufgenommen wurde oder gar gänzlich verändert wurde, ist meist nicht nachzuprüfen. Doch letztlich ist selbst das Sehen etwas höchst Subjektives, was schon daran deutlich wird, dass jeder andere Dinge übersieht. Allein über Licht oder Finsternis sollte Einigkeit herrschen. Kann man wenigstens in der ethischen Beurteilung auf ein wirklich objektives Maß zurückgreifen? Oder geht es letztlich immer nur darum, qui bono – wem etwas
nützt? Sind die Maßstäbe der Bibel überhaupt – noch – universell gültig, oder sind sie kulturell bedingt und müssen letztlich auch relativiert werden?
Die letzten Monate haben unsere Welt und unser Wertesystem gründlich durcheinandergewirbelt. Die Krise wurde zum Dauerzustand, allein deren Namen wechseln. Woran können wir uns sicher halten?
Hier möchte ich über den Monatsspruch hinausgehen und nicht den Wehe-Ruf aufgreifen. Doch mir fällt es schwer, einfach einen Lobpreis anzustimmen und damit alle Probleme quasi aus dem Sichtfeld zu wischen. Etwa den Monatsspruch für den Oktober aus Offenbarung 15:3 „Groß und wunderbar sind deine Taten, Herr und Gott, du Herrscher über die ganze Schöpfung. Gerecht und zuverlässig sind deine
Wege, du König der Völker.“ Die Schönheit der Schöpfung und die Macht des Schöpfers zu preisen allein hilft nicht, diese Schöpfung zu erhalten. Dennoch aber möchte ich zum Vertrauen in Gott ermutigen, der uns zugesagt hat, uns zu behüten in dieser Welt und auf dem Weg in die neue Welt.
Eine konkrete Hilfe dabei ist der feste Maßstab, den Gott selbst darstellt, der nämlich sagt, was gut ist und was böse. Wenn wir uns daran halten in unserem Leben, dann haben wir es weder immer leicht noch gut, doch wir sind auf der richtigen Seite. Und wenn wir uns nicht daran zu halten vermögen, wird Gott uns vergeben. – Aber, und das halte ich für entscheidend, Gott vergibt auch unserem Nachbarn, der vielleicht ganz anders denkt, quer oder längs. Können wir das im Sinn behalten? Ich weiß nicht, ob Waffenlieferungen richtig sind. Doch ich sollte nicht die verurteilen, deren Entscheidung sich vielleicht später als falsch herausstellen sollte. Denn Verurteilen von Menschen ist auf jeden Fall falsch, nach Gottes Maßstab.

Ihr Pfarrer Gabriel Beyer