ANDACHT

 

Liebe Gemeinde,

Wer einen Termin hat, kommt fast überall hinein. Und fast überall bekommt man nach – vielleicht langer Wartezeit - auch einen Termin, beim Arzt, Handwerker oder Direktor. Wer keinen Termin hat, sondern ein akutes Problem, der muss meistens lange betteln, bevor er irgendwo doch eingelassen wird. Nach einer Autopanne im Urlaub bot mir eine Werkstatt einen Termin in zwei Monaten an. Die Monteure seien auch fast alle im Urlaub. Das war zwar ärgerlich, ich musste es aber einsehen und konnte ja sowieso nichts machen. Heutzutage muss eben fast alles geplant werden.
Und jetzt sagt Jesus hier, dass ich bei ihm keinen Termin brauche und immer eingelassen werde. Auch und gerade in Notsituationen. Kann ich damit zum Pfarrer gehen oder zu jedem Christenmenschen oder nur beten? Wenn man das Wörtchen „nur“ streicht, dann stimmen alle drei Varianten, es kann sogar sein, dass Christus uns in einem gar nicht gläubigen Menschen begegnet. Es kann aber auch sein, dass ein Stellvertreter Jesu – haupt- oder ehrenamtlich – gerade keine Zeit frei hat und ich doch einen Termin machen muss. Es sind eben doch „nur“ Stellvertreter.
Hinter diesem Jesuswort steckt aber noch mehr: Bei Jesus es geht um dich als Menschen. Womit du auch kommst, Jesus hört dir zu, auch wenn Du keinen Mitgliedsausweis hast und nicht zahlen kannst. Bei Jesus zählst du als Mensch, mit oder ohne Problem. Du musst nicht befürchten, als unakzeptabel zu gelten oder ungelegen zu kommen. – Das gilt so uneingeschränkt natürlich nur für den himmlischen Christus, den wir im Gebet erreichen. Wir als „Bodenpersonal“ versuchen ihmnachzueifern, doch gelingt das nicht immer. Wir sind und bleiben Menschen. Wenngleich das als Ziel bestehen bleibt: keiner wird abgewiesen. Die Jahreslosung beinhaltet also einerseits diesen unbedingten Zuspruch.
Doch können wir als Kirche wirklich offen für alle sein? Man beachte den Unterschied: offen für alle oder für alles. Ein pfiffiger Mensch formulierte einmal: Wer für alles offen ist, kann nicht ganz dicht sein. So ist es nur vernünftig, wenn wir auch zu all unseren Veranstaltungen niemanden ohne Nachweis eines anerkannten Schutzes gegen die Covid-Erkrankung einlassen. Das ist kein Widerspruch zur Zusage Jesu in der Jahreslosung. Ich will das nicht damit begründen, wir seien eben nur Menschen und nicht Christus selbst, Bodenpersonal eben, und könnten darumnicht so uneingeschränkt lieben wie Jesus. Auch Jesus hat durchaus differenziert zwischen der Sünde und dem Sünder. Jesus hat die Sünde scharf abgewiesen, aber den Sünder bzw. Sünderin angenommen.
Dass z.B. Hass und Feindseligkeit gegen andere Menschen von Jesus als Sünde abgelehnt wurden, steht außer Zweifel. Insofern haben solche Meinungen auch in Jesu Kirche keinen Raum. Zum Impfen hat Jesus natürlich nichts gesagt. Können wir darum in Jesu Namen so eindeutig für das Impfen und gegen die Verleugnung der Pandemie sprechen?
Eindeutig Ja. Jesus hat geheilt, er hat Gottes Willen, dass alle Menschen heil sein sollen, damit klar ausgedrückt. Und er hat Dämonen ausgetrieben, Kräfte also, die von Menschen Besitz ergriffen hatten, so dass diese nicht mehr ihr eigener Herr sein konnten. Eine Bekämpfung einer Krankheit oder Besessenheit ist also in Jesu Sinn. Und wenn wir Maßnahmen unterstützen, die weitere Ansteckung verhindern helfen, dann ist das auch in Jesu Sinn. Wenn unsere Offenheit also doch Grenzen kennt, und zwar gegenüber unchristlichen und menschenfeindlichen Meinungen bzw. Haltungen, dann schützt das alle anderen, die im Vertrauen auf Zuspruch und Heilung zu uns kommen.
Nicht jeder Christ ist zu jeder Stunde verfügbar. Und nicht jedem Anliegen kann entsprochen, nicht jede Frage geklärt werden. Doch sollte keiner weggeschickt werden, der wirklich zu Jesus kommen will; Diebe und Quertreiber kämen ja aus anderen Motiven.
Wie man miteinander zu Jesus findet, das ist unsere gemeinsame Aufgabe bzw. unser Ziel. Natürlich haben wir Jesus nicht gepachtet. Wir Christen treffen uns in Jesu Namen, um gemeinsam zu fragen und nachzudenken, zu feiern oder zu trauern. Und das ist schon ein Kriterium, wer sich Gemeinde Jesu Christi nennen darf, dass dort auch eine Gemeinschaft zu finden ist, die ein Stückweit Leben miteinander teilt. Mal sind wir diesem Ziel näher und manchmal sehen wir es kaum. Wir sind dabei in unterschiedlicher Geschwindigkeit und Frömmigkeit unterwegs, in verschiedenen Gruppen. Es gibt nicht einmal eine Garantie, dass wir es schaffen, zu Jesus zu finden. Aber meine Erfahrung sagt, dass es im Zweifelsfall Jesus ist, der uns findet. Und dann ist es an uns, ob wir ihn abweisen oder einlassen.
Die Jahreslosung enthält somit eine Zusage und eine Aufgabe. Ich kann jederzeit bei Jesus ankommen. Aber ich kann auch jederzeit beansprucht werden, jemanden
zu Jesus mitzunehmen.

Ihr Pfarrer Gabriel Beyer