ANDACHT

Jubeln sollen die Bäume des Waldes vor dem HERRN, denn er kommt, um die Erde zu richten.

Monatsspruch August 1 Chr 16,33

Liebe Gemeinde,

Den Folgevers aus Kapitel 16 des ersten Chronik-Buches kennen wir alle: Danket dem Herrn, denn er ist freundlich, und seine Güte währet ewiglich. Das beten und singen wir häufig. Doch dieser Vers hier ist merkwürdig, geradezu aus der – damaligen – Zeit gefallen klingt er. Dass Bäume im Wald miteinander kommunizieren, das haben wir vielleicht schon gehört und können es uns mit Mühe vorstellen. Aber dass Bäume jubeln sich vorzustellen, dazu braucht es schon sehr viel Phantasie.  Vielleicht blühen sie dann besonders kräftig. Dass die Bäume jedoch jubeln, weil Gott Gericht hält, das ist doch zu viel. Gericht über die Erde, in der die Bäume stehen?! Hat die Erde die Bäume so schlecht behandelt, dass sie nun vor Schadenfreude jubeln?
Dieser Vers stammt aus einem Danklied Davids, das er am Anfang seines Königtums sang, nachdem er die Bundeslade, das heilige Zeichen des Bundes Gottes mit seinem Volk, feierlich im soeben eroberten Jerusalem aufgestellt hatte. Dieses Heiligtum repräsentierte die Macht und Anwesenheit Gottes bei den Israeliten. Es war von Feinden gestohlen und nun zurückerobert worden. Später wurde der Tempel gebaut, um die Lade angemessen zu würdigen, bevor dann der Tempel als solcher die Funktion der Lade übernahm. Dass die Bundeslade nun wieder in den Händen des Bundesvolkes war, ist so gut und richtig,
dass die ganze Schöpfung mitsamt den Bäumen darüber jubelt. Das Gericht über die Erde - und ihre Bewohner – war also im militärischen Sieg über die Feinde vollzogen worden. Krieg zu führen ist für die Israeliten nichts weniger als ein Auftrag Gottes, mit dem sie Gott die Ehre geben. Und Gott stellen sie sich als Kriegsherrn vor, der sie auf dem Feldzug unterstützt.
Das Gottesbild hat sich offensichtlich sehr gewandelt in der Geschichte. Die Bibel, die einerseits jegliches Bild von Gott verbietet, verwendet natürlich selbst eine Vielzahl von Bildern für Gott. – Wie soll man sich Gott sonst vorstellen? Jede Vorstellung ist doch schon ein Bild. Wichtig ist, dass man sein Bild eben nicht mit Gott selbst verwechselt.
Auffällig dabei ist, dass die Gottesbilder der Gläubigen sich wandeln, je nachdem, welche Bedürfnisse gerade vordergründig sind, welche Aufgaben primär zu bewältigen sind.
Die militärische Eroberung des verheißenen Landes kommt uns heute sehr anstößig vor und ist mit Gott eigentlich gar nicht in Verbindung zu bringen. Gott will doch Frieden und gewaltlose Verständigung! Doch wir müssen uns bewusst machen, dass die Vorstellung von Gott und seiner Hilfe eine starke Entwicklung durchgemacht hat und früher eben ganz anders aussah als heute.
Ich schreibe dies nicht, um den derzeitigen
Krieg in Europa als gottgewollt zu rechtfertigen. Ich glaube nicht, dass Gott Krieg wollte und will. Aber ich bin mir ebenso sicher, dass Gott Freiheit für alle Menschen will und von niemandem verlangt, sich töten oder versklaven zu lassen. Die Bibel ist eine Geschichte der Befreiungen. Und in der gefallenen Schöpfung, die voller sündiger Menschen ist, sind Konflikte nicht zu vermeiden. Sicherlich ist jeder frei und aufgerufen, lieber Unrecht und Gewalt zu leiden als in gleicher Münze heimzuzahlen. Aber entscheiden darf das jeder nur für sich selbst. Es geht dabei um die Entscheidung zwischen zwei Übeln, welches das kleinere von beiden ist. Offensichtlich gibt es dabei keine Möglichkeit, frei von Schuld zu bleiben. Dass heute die Bäume eher weinen als jubeln, hat auch mit Schuld der Menschen zu tun. Und auch hier haben wir kaum die Möglichkeit, selbst frei von Schuld zu bleiben. Doch immerhin haben wir die Chance, selbst etwas zu entscheiden und zu tun – anders als bei Waffenlieferungen. Vielleicht hilft uns die alte Vorstellung, dass wir mit den Bäumen gemeinsam zu Gottes Schöpfung gehören, gemeinsam mit Pflanzen und Tieren und Menschen aller Völker.

Ihr Pfarrer Gabriel Beyer