Politisches Nachtgebet

Die Veranstaltungsreihe "Politisches Nachtgebet" findet mehrmals im Jahr in unserer Kirche statt.

„Auf der Suche nach Gerechtigkeit“

Superintendent Christian Behr und Silke Pohl beim Politischen Nachtgebet im März

„Sonne der Gerechtigkeit, gehe auf zu unserer Zeit“ - mit dem Lied 263 aus dem Gesangbuch stimmten Pfarrer Gabriel Beyer und die Besucher sich ein auf einen vielschichtigen Abend beim Politischen Nachtgebet im März. „Wie im Himmel, so auf Erden?“ fragten Christian Behr, Superintendent Dresden-Mitte, und Silke Pohl vom Ökumenischen Informationszentrum und machten sich auf die „Suche nach Gerechtigkeit“.

Keine einfache Aufgabe, denn „aus welcher Richtung wollen wir uns der Gerechtigkeit nähern?“, fragte Superintendent Behr: „Gerechtigkeit, die vor Gott gilt? Gerechtigkeit zwischen den Menschen?“ Und er sprach an, was viele bewegt: die Gerechtigkeit - was fordert sie von uns, was bringt sie uns? Meistens gehe es ohnehin um fehlende Gerechtigkeit. Dabei sei sie - neben Klugheit, Tapferkeit und Maßhaltung - eine der vier Kardinaltugenden. Ist Gerechtigkeit vor Gott also zu erreichen durch gute Taten? Oder durch den Glauben allein, wie Luther es beschrieben hat? Und definiert man die Gerechtigkeit zwischen Menschen nach Leistung oder Bedarf oder ganz anders - eine Frage, die schon im Gleichnis der Arbeiter im Weinberg gestellt worden sei (wo alle am Ende denselben Tageslohn bekommen, obwohl sie unterschiedlich lange gearbeitet haben).

Für Behr gehören drei Dinge immer zusammen: Gerechtigkeit, Friede, die Bewahrung der Schöpfung. Das sollen wir erstreben auf Erden. „Wie im Himmel“ - dieser Teil des Abendmottos inspirierte Peter Setzmann für die musikalische Begleitung am Flügel. Zum Auftakt spielte er ein Stück aus dem gleichnamigen Musikfilm, zwischendurch sanft Jazziges mit „Night and Day“ sowie „My Blue heaven“, zum Ausklang „Der Mond ist aufgegangen“. Da gestattete sich Pfarrer Beyer sogar einen kleinen Scherz: es sei doch „höchst ungerecht, dass Herr Setzmann so viel besser Klavier spielt als ich“.

Eine Brücke zwischen Gleichheit und Gerechtigkeit hatte zuvor Silke Pohl geschlagen, die sich im Ökumenischen Zentrum mit Fragen der Gerechtigkeit beschäftigt. Seit dem 18. Jahrhundert habe die Ungleichheit in den - jedenfalls europäischen - Gesellschaften abgenommen, nach 1918 sei sie wieder gestiegen: der Reichtum konzentriere sich auf immer weniger Menschen. Aber das war nur ein Aspekt ihrer Überlegungen zur Gerechtigkeit. Sie erläuterte ein Modell aus „vier Arenen, die Gerechtigkeitsfragen behandeln“: die Oben-Unten-Arena - dort werde die ökonomische Verteilung von Geld und Macht diskutiert (und ja, dazu gehörten auch Streiks - sie könnten „eine Möglichkeit sein, zu einer Umverteilung, einer gerechteren Verteilung des Reichtums zu kommen“); die Innen-Außen-Arena - dort gehe es um Migration und die - mittlerweile hart geführte - Diskussion, wer darf kommen, wer bekommt Unterstützung; die Wir-Sie-Arena - dort gehe es um Rassismus und Geschlechtergerechtigkeit; die Heute-Morgen-Arena - die Klimapolitik, auch dort „geht es sehr emotional zur Sache“. Die letzte Arena unterscheide sich von den anderen, weil sie sich nicht allein auf Konflikte in der Gegenwart, sondern auch auf die Zukunft beziehe.

In allen Arenen gebe es den Ruf, die Rufe nach Gerechtigkeit, fasste Silke Pohl zusammen. „Aber wollen wir sie hören?“ Oder solle alles bleiben, wie es ist oder „wieder so, wie es früher (oder niemals) war“? Die demokratische Gesellschaft war ihre Hoffnung - sie habe „die Möglichkeit, solche Themen zu verhandeln und zu Ergebnissen zu kommen.“ Wichtig sei dabei, auch international, einander zuzuhören. Das betreffe gerade auch den Christenmenschen - „den Ruf nach Gerechtigkeit zu hören und damit auch den nach mehr Menschlichkeit“. Oder - wie Superintendent Behr den Propheten Amos zitierte - dass „die Gerechtigkeit ströme wie ein nie versiegender Bach“.

Bernd Hempelmann, Foto: Karla Tolksdorf-Hempelmann

Vom Wissen zum Tun - wie wir die Welt retten

Annika Schmid und Christian Bärisch beim Politischen Nachtgebet im Februar

Es ging um eine der großen Fragen - manche sagen: DIE große Frage - der Gegenwart beim Politischen Nachtgebet im Februar: den Klimawandel. Wir wissen doch eigentlich viel darüber - Erderwärmung und ihre Gefahren, der Einfluss des Menschen, Extremwetterlagen, Umweltkatastrophen, Hungersnöte, zu viel Hitze und Überschwemmungen, dabei Trockenheit, Waldbrände, unbewohnbar werdende Gebiete… Das alles wissen wir - aber: Warum fällt es vielen so schwer, sich mit dem eigenen Handeln darauf einzustellen?

Die Psychologin Annika Schmid und der Soziologe Christian Bärisch vom Verein „Zukunftsgestalten e.V.“ beschäftigen sich mit dieser Frage. „Vom Wissen zum Tun - wie wir die Welt retten“ war ihr Thema an jenem Februar-Abend in unserer Kirche. Wenn wir wissen, was zu tun wäre, es aber trotzdem nicht machen, dann fühlt sich das nicht gut an. „Wir kommen in einen unangenehmen Spannungszustand“, erklärte die Psychologin: „die kognitive Dissonanz“. Das hat Gründe. Das ganze Klima-Thema ist einem viel zu kompliziert, Menschen, die man kennt, haben vielleicht ganz andere Ansichten, mit ihnen will man nicht brechen, man will sich nicht der Kritik aussetzen von Leuten, die das alles anders sehen, man hat schon so viel investiert, dass es schwer ist umzukehren und gegenzusteuern. Andererseits stehe man „fassungslos vor der Tatsache, dass wir die Lebensgrundlage unserer und zukünftiger Generationen aufs Spiel setzen“.

Um da einen Weg herauszufinden, muss man stark sein. Der Soziologe stellte die Frage. „Wer sind denn wir?“ Auf welcher Ebene wollen wir gemeinsam etwas tun? Man kann sich organisieren - in Parteien, Vereinen, Verbänden, in Initiativen, mit Freunden und Familie. Aber man muss auch ganz bewusst bei sich selbst anfangen. Klar - die ersten Schritte sind immer die schwersten, aber - so die Erfahrung von Schmid und Bärisch - man fängt klein an, auf lokaler Ebene, und macht die Erfahrung, dass man aus einer Gruppe Gleichgesinnter ungeheuer viel Energie mitnehmen kann, dass man anfangen kann, Druck aufzubauen, auch auf die Politik, denn „die Politik muss die Rahmenbedingungen setzen“. Also: „Gleichgesinnte suchen und loslegen“. Dazu gehört auch, den Austausch zwischen Gruppen zu stärken.

Christian Bärisch machte auf besondere Weise Mut: „Wir können von uns mehr verlangen. Wir bleiben unter unseren Möglichkeiten, gerade was Dialog und Überzeugung betrifft.“ Denn was hat der Mensch am Ende davon, dass er etwas tut: „Wir kommen dazu, eigene Entscheidungen zu treffen. Das ist der Benefit. Wir kommen dazu zu erfahren, was Freiheit ist.“ Man war versucht, an Erich Kästner zu denken: „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.“

Pfarrer Beyer erinnerte in seiner Begrüßung an die - zum Scheitern verurteilten - Versuche, sich allein durch gute Werke bei Gott ein Guthaben erwerben zu wollen. Was schon Paulus anprangerte. Luther betonte darum den Vorrang des Glaubens: Nicht gute Werke machen den Menschen gut, sondern ein guter, also gläubiger Mensch vollbringt gute Werke. Als Gläubiger tue ich gute Werke, weil sie richtig sind und ich helfen will, nicht, um bei Gott besser dazustehen.

Peter Setzmann saß wieder am Flügel und begleitete den Abend mit ABBA („Andante, Andante“), Richard Rogers („Blue Moon“) und Louis Armstrong („Wonderful world“). Ein Abend übrigens, der wie ein Workshop begann: „Warum sind Sie hier?“, wollten die Referenten von den Besuchern wissen. Die einen interessierte der wissenschaftliche Ansatz des Abends, andere der psychologische, manche gaben zu, sie fühlten sich einfach ohnmächtig angesichts der vielen Krisen, man erhoffte Ansätze, wie man „Menschen in ihrer Blase“ mit Argumenten näher komme. Die Motive waren vielfältig, einer brachte es auf den Punkt: „Das Politische Nachtgebet hat immer interessante Themen.“

Bernd Hempelmann

Diskussionsabend zum Thema  „Die Ostdeutschen und die Demokratie“ 

Bericht zum Politischen Nachtgebet am 2. Februar 2024 

Im Politischen Nachtgebet am 12. Januar zum Thema “Die ostdeutschen und die Demokratie“ war die Diskussion zu kurz gekommen. Sie wurde am 2. Februar im Gemeindesaal nachgeholt. Das Interesse war groß. Zu Beginn fassten die Referenten der vorherigen Veranstaltung ihre Kernaussagen  zusammen. Roland Löffler, Direktor der Landeszentrale für politische Bildung, nannte die reale wirtschaftliche und soziale Situation in Ostdeutschland gut im Vergleich mit anderen europäischen Ländern. Jedoch fehlten die Zentralen der DAX-Unternehmen im Osten.  Die Bevölkerung in Ostdeutschland schätzt die Demokratie, sei aber unzufrieden mit deren Umsetzung. Das Vertrauen in die politischen Institutionen und Parteien sei drastisch gesunken. Demografische und soziale Probleme wie die Überalterung, die Abwanderung von Leistungsträgern und strukturelle und soziale Ungleichheit zwischen den Ballungsräumen und den ländlichen Räumen verstärkten die Unzufriedenheit. Auch Erfahrungen und Prägung in der DDR könnten bei Älteren ein Grund dafür sein. Anfälligkeit gegenüber Populismus sei jedoch kein spezifisch ostdeutsches Phänomen, das gäbe es in ganz Europa. Sein Appell: Politische Gestaltungsmöglichkeiten nutzen und die demokratischen Parteien stärken.

Michael Bartsch, freier Journalist und aufgewachsen in Ostdeutschland, benannte die hiesige Mentalität: „Alles muss anders werden, aber bleiben wie es war.“ Nazistische und neodarwinistische Anschauungen seien nie ganz ausgestorben und bildeten einen Nährboden für Rechtsextremismus. Der Hang, einfache Lösungen für komplexen Probleme zu suchen und Vorgaben von oben zu erwarten, begünstigten populistische und rechtsextremistische Positionen. Dies sei dann kaum durch Fakten zu beeinflussen. Die eigentlichen Probleme würden damit überdeckt. Seine Empfehlung:  Nicht in den Chor der Panikmacher einstimmen, in der Krise auch die Chance sehen, Bündnisse „von unten“  zu schließen, zu versuchen, rechtsextremistisch beeinflusste Menschen emotional zu erreichen.

In der anschließenden lebhaften Diskussion, von Rechtsanwalt Wolfgang Kau souverän moderiert, wurde ein breites Spektrum von Gründen, Befürchtungen und Hoffnungen geäußert. Ursachen für das Erstarken populistischer und rechtsextremer Kräfte seien der Verlust an Vertrauen in die politischen Institutionen und in die Medien, eine unzureichende und widersprüchliche Vermittlung politischer Entscheidungen „von oben nach unten“, das Versagen politischer Bildung an den Schulen und die Angst vor  krisenbedingten Veränderungen der Lebensumstände.  Es gäbe eine große Nervosität und Unsicherheit in Krisenzeiten. Die Auflösung bisher relativ stabiler sozialer Schichtungen, der Wandel von einer geschlossenen in eine offene Gesellschaft verursachten eine wachsende Orientierungslosigkeit. Die bürgerliche Mitte, bisher der stabile Anker der Gesellschaft, verlöre ihren sicheren Wertekanon durch das Einsickern des rechtsextremistischen Gifts auch mittels einer verrohten Sprache. Ein entsprechendes  Denken werde salonfähig. 

In der Diskussion wurden Ansätze  genannt, um solche  Krisenerscheinungen zu bewältigen bzw. Lösungen möglich zu machen. Die Politik müsse ehrlich Probleme und Herausforderungen benennen. Kompromisse und das Austarieren von Interessen seien keine Schwäche, sondern ein Wesensmerkmal der Demokratie. Das müsse positiv kommuniziert werden. Es fehle Gelassenheit und Vertrauen in die repräsentative Demokratie. Die Medien sollten dazu beitragen. Hass und Populismus müssten energisch entgegengetreten werden. Das Wort der ostdeutschen Bischöfe, rechtsextremistisches Denkens, wie es von der AfD vertreten wird, sei mit dem Christentum nicht vereinbar, markiere eine rote Linie. Diese Brandmauer gelte der Ideologie, nicht aber den Menschen. Mit Andersdenkenden müsse man  im Dialog bleiben. Empathie, Optimismus, Ehrlichkeit seien überzeugender als Hass und Hetze. 

Die Resonanz auf diesen Abend war positiv. Es gab die Anregung, die Diskussion in einem ähnlichen Format fortzusetzen.                                                                                                                        

Anke und Klaus Gaber

 

Die Ostdeutschen und die Demokratie

Ein Thema, zwei Referenten und ein volles Haus

Dr. Roland Löffler und Michael Bartsch beim Politischen Nachtgebet im Januar zu „Die Ostdeutschen und die Demokratie“ - und eine Fortsetzung am 2. Februar

So viele Besucher hatte unsere Kirche bei einem Politischen Nachtgebet noch nicht oft, vielleicht noch nie gesehen, als Dr. Roland Löffler, Direktor der Landeszentrale für politische Bildung, und der Journalist Michael Bartsch ihre Gedanken zum Thema ausbreiteten: „Die Ostdeutschen und die Demokratie“ - ein Reizthema. Die Debattenlage, sagte Löffler gleich zu Beginn, sei „mit großen Pflastersteinen belegt, die sich gut im verbalen Affekt auf den jeweiligen Gegner schmeißen lassen“. Umso mehr war sein Anspruch, die Diskussion mit großer Sach- und Faktenkenntnis zu versachlichen.

So gebe es laut regelmäßigen repräsentativen Umfragen nach den Einstellungen in Sachsen unter anderem das „überraschende Ergebnis, dass die Zufriedenheit in Sachsen mit der Demokratie mit 91Prozent sehr hoch“ sei, mit der Umsetzung der Demokratie jedoch deutlich weniger. Das Verhältnis der Ostdeutschen zur Demokratie sei kein ostdeutsches, sondern ein gesamtdeutsches Thema. Und das Erstarken des Extremismus und Populismus sei darüber hinaus nicht nur ein deutsches, sondern europäisches und internationales Problem.

Aus zahlreichen Untersuchungen führte Löffler zentrale Punkte zusammen. Es fehle an Vertrauen, das Misstrauen der Menschen untereinander habe zugenommen - aber nur mit Vertrauen, auch in die Institutionen, funktioniere Demokratie. Gerade die Ostdeutschen vermissten die Möglichkeit zur Teilhabe an demokratischen Prozessen - sie sind immer noch in vielen Bereichen unterrepräsentiert.

Die ostdeutsche Gesellschaft, konstatierte Löffler, habe „einen harten Wandel von einer geschlossenen Gesellschaft in eine offene erleben und verkraften müssen“. Sie sei „distanzierter mit Formen gesellschaftlicher Selbstorganisation umgegangen“ - sich zu organisieren und zu engagieren, sei aber wichtig in einer Demokratie. Zudem weise das Land „längerfristig strukturelle Defizite“ auf, unerfüllte Erwartungen führten zur Suche nach „Sündenböcken, nicht selten Ausländer, ,die da oben’ oder der Staat“. Auch 30 Jahre nach der Wiedervereinigung stünden die ostdeutschen Länder „trotz eines sehr erfolgreichen Aufholprozesses weiterhin noch relativ strukturschwach da - das ist keine gute Zukunftsperspektive“.

Im Fazit indes stellte Dr. Löffler fest, dass auch in den ostdeutschen Ländern der Rechtsstaat funktioniere, die Gesellschaft „im Kern intakt“ sei. Dennoch gebe es Unzufriedenheit, Verlustängste, Skepsis. Man brauche einen Konsens und breites Engagement zur Stärkung der Demokratie, klare Debatten ohne Umschweife, die „ohne moralische Vorverurteilungen nach rechts wie links“ an belastbaren Zukunftslösungen arbeiteten, und mehr ostdeutsche Selbstorganisation - ohne sie „wird der ostdeutsche Einfluss in Gesamtdeutschland nicht wachsen“.

Einen stilistisch etwas anderen Ansatz hatte Michael Bartsch, der als Journalist für verschiedene Medien die politische Lage in Sachsen seit Jahren beobachtet. Pointiert, gelegentlich überspitzt und mit feiner Ironie legte er den Finger in die Wunden. „Die Demokratie böte so viele Chancen“, sagte er, „wenn man sie nur praktizieren könnte.“ Dazu gehöre auch Kommunikation zur Entscheidungsfindung, aber das brauche „die Fähigkeit zur Selbstreflexion und Selbstkritik“, und da sehe er eher Unfähigkeit. Man brauche das Weiterdenken, „aber heute weiß ja jeder alles besser“. Die Diffamierung habe die Beschäftigung miteinander ersetzt.

Eine gute Demokratie wäre „ein Zusammenspiel aus Volkswillen und Expertokratie“. Und es sei wichtig, sich zu engagieren, nahm er auch einen Löffler-Gedanken auf. „Ich habe großen Respekt für alle, die in der Politik den Mut haben, sich zu stellen.“ Das Hauptproblem heutzutage seien Gleichgültigkeit und Apathie.

Dafür sah er durchaus Gründe. Zum Beispiel die Überforderung in einer immer komplexer werdenden Welt; so entstehe die Sehnsucht nach etwas Überschaubarem, das sei aber auch immer eine hermetisch abgeriegelte Welt. Daraus ableiten könne man „die Wahl einer Steinzeit-Partei wie der AfD“. Und er ging auch anders zurück - zu den ersten freien Wahlen 1990 in der DDR. Da habe das Bündnis 90 gerade mal 2,9 Prozent bekommen - „das war ein Arschtritt für die, die sich in der DDR für Veränderung engagiert hatten“. Und es kam der „Beitritt zu einem Staat, der ökonomisch florierte, aber sich in einer Wertekrise befand“. Erkenntnis also: Engagement lohnt sich nicht? Nein, schloss Bartsch: „Machen ist immer besser als gar nichts zu tun.“

Pfarrer Beyer hatte eingangs daran erinnert, dass in der DDR gerade die Kirche oft der einzige Ort gewesen sei, „wo Demokratie wenigstens in Ansätzen gelebt wurde“. Die Vorstellung von Demokratie sei indes im Osten „auch ein bisschen verklärt gewesen“.

Für die musikalische Begleitung hatte Christoph Werneburg am Flügel zur Einstimmung „geheimnisvolle Schranken“ gewählt: „Les bàricades mistérieuses“ von François Couperin. Den Abschluss bildete eine der „Gymnopédies“ von Erik Satie, was mit großer Ruhe einen Kontrapunkt zu setzen suchte nach der doch etwas aufgeheizten Stimmung.

Am Schluss hatte Pfarrer Beyer angesichts der nach zwei ausführlichen Vorträgen fortgeschrittenen Stunde eine kurze Diskussionsrunde angeregt. Das war ein frommer Wunsch - er ging zwar in Erfüllung, ließ aber auch Unzufriedenheit zurück. Die soll nun noch einmal aufgearbeitet werden. Der Gesprächsbedarf war groß an dem Abend, und die Zeit war fortgeschritten. Deshalb gibt es am 2. Februar um 19.30 Uhr im Gemeindesaal das Angebot einer Fortsetzung mit den beiden Referenten. Ohne lange Vorreden, aber mit Zeit für Diskussion.

Bernd Hempelmann, Fotos: Karla Tolksdorf-Hempelmann

Wer den Vortrag von Dr. Löffler nachlesen möchte, kann das hier tun. Er ist auf dieser Webseite eingestellt: Loeffler-Ostdeutsche_und_Demokratie.pdf

 

Klimagerechte Stadtentwicklung

Dr. Matthias Lerm beim Politischen Nachtgebet am 24. November 2023

Es war ein inspirierender Vortrag, mit dem sich der neue Dresdner Amtsleiter für Stadtentwicklung und Mobilität, Dr. Matthias Lerm, dem zahlreich erschienenen Publikum in unserer Kirche beim Politischen Nachtgebet am 24. November vorstellte. „Klimagerechte Stadtentwicklung“ war das ihm gestellte Thema. Einführend machte er mit Grafiken und Fotos deutlich, wie bedrohlich und bereits für jeden erfahrbar der Klimawandel ist: Extremwetterlagen, Überwärmung der Innenstadt mit gesundheitsgefährdenden Auswirkungen, anhaltende Trockenperioden und absinkende Grundwasserstände, absterbende Bäume. Neben grundsätzlichen Entscheidungen und Taten für einen konsequenten Klimaschutz auf allen Ebenen sind auch Maßnahmen notwendig, die die Klimafolgen begrenzen.

Es war aber auch ein Mut machender Vortrag. Mit vielen Beispielen aus seiner Berufspraxis als Stadtarchitekt in Jena und Magdeburg und auch aus seinem persönlichen Lebensumfeld zeigte er Möglichkeiten zum praktischen Handeln im Großen und im Kleinen. Klimagerechtes Bauen und die Erarbeitung einer städtischen Begrünungssatzung, das Freihalten von Frischluftschneisen und  die Schaffung von Grünzügen, Dach- und Fassadenbegrünungen sollen Hitzebelastungen mindern, zu einem gesunden Stadtklima  beitragen und die Aufenthaltsqualität in einer verdichteten Stadt verbessern. Denn auch eine ökologisch angemessene Verdichtung der Innenstädte trägt dazu bei, naturnahe Flächen zu erhalten, Energie zu sparen und damit Treibhausgasemissionen zu mindern sowie die städtische Infrastruktur optimal zu nutzen.

Große Bedeutung maß Matthias Lerm der Nutzung des Niederschlagswassers für mehr Grün in unserer Stadt bei. Wie ein Schwamm soll die bebaute Umwelt das Wasser aufnehmen und lange halten. In eindrucksvollen Bildern zeigte er begrünte Dächer, Balkone, Hausfassaden und Gärten, entsiegelte Verkehrsflächen, gepflastert statt asphaltiert oder betoniert, abgestufte grüne Hänge und Böschungen, die einen schnellen Wasserabfluss verhindern, Rückhaltebecken, kleine Teiche und Regenwasserläufe in Gärten, Stadtalleen statt vierspuriger Straßen, selbst „Unkraut“ in den Fugen von gepflasterten Flächen.

Pfarrer Beyer bezog sich eingangs auf Jona, den alttestamentarischen Propheten. Dieser war von Gott nach Ninive, der mesopotamischen Metropole gesandt, um dort den Untergang dieser sündigen Stadt zu verkünden. Als aber König und Bürgerschaft Buße taten, sah Gott von der Bestrafung ab. Gott will, so die Aussage dieser Geschichte, nicht Bestrafung und Untergang der Menschheit, sondern Umkehr und Besserung – eine auch heute aktuelle Botschaft und Trost in scheinbar trostlosen Zeiten.

Peter Setzmann am Flügel wählte in seiner musikalischen Einleitung des Abends das passende Thema zur Stadtentwicklung mit „We built this city“ der Gruppe Starship. In der Diskussion erfuhr Matthias Lerm sehr viel Anerkennung für seinen engagierten Vortrag.

Klaus Gaber

 

Können wir aus der Geschichte lernen?

Der Historiker Martin Jehne beim Politischen Nachtgebet

 

Im Oktober schlug der Historiker Professor Martin Jehne beim Politischen Nachtgebet in unserer Kirche einen großen Bogen - vom Altertum bis in die Neuzeit. Kein Wunder: Sein Thema war die Geschichte - und vor allem die Frage: Können wir aus ihr lernen? Eine Frage, die sich gerade in diesen krisen- und kriegsgeschüttelten Zeiten viele stellen. Und am Ende kam Martin Jehne zu dem Schluss: „Ich bin überzeugt, dass man aus der Geschichte lernen kann.“ Aber: Einfach ist das nicht. Und man muss bereit sein für Veränderungen. Und es muss „nicht immer allen zum Segen gereichen“, denn man muss aus dem Gelernten eben auch die richtigen Lehren ziehen.

Zunächst aber zitierte Jehne den römischen Schriftsteller und Gelehrten Cicero - für den war „historia magistra vitae“: die Geschichte die Lehrerin des Lebens. Eine Sicht, die später durchaus ins Wanken geriet. In der Neuzeit seit Ende des 15. Jahrhunderts wende sich der Blick mit dem Wandel und Fortschritt von rückwärts nach vorn. „Je schneller es geht, desto mehr Unerwartetes passiert - die Erwartung wird unberechenbarer.“ Die Hoffnung, dass man aus den Erfahrungen von früher etwas für die Zukunft lernen können, verblasst.

Vor allem in Krisen versuche man sich zurückzuerinnern an frühere, gab Jehne zu bedenken, auch für eine gewisse Zuversicht: „Die alten Krisen sind vorbei, das macht Hoffnung, dass man auch die neue überwindet.“ Wie schwierig es aber sein kann, das Vergangene zu analysieren und auf die Gegenwart anzuwenden, machte Jehne deutlich am Beispiel Joschka Fischer und dem Kosovokrieg. Dort gab es furchtbare Verbrechen und Völkermord. Sollte man militärisch eingreifen? „Ich habe gelernt: Nie wieder Krieg“, sagte Fischer in seiner berühmten Rede. „Aber ich habe auch gelernt: Nie wieder Auschwitz.“ Dieses Dilemma galt es zu lösen…

Jehne jedenfalls deutete das als einen Versuch, aus der Geschichte zu lernen, sich zu verändern und das anderen mitzuteilen. Erkennbar werde aber auch, „wie schwer es ist, das aus der Geschichte Gelernte in die Tat umzusetzen“. Und am besten noch rechtzeitig kritische „Kipppunkte“ zu erkennen und zu vermeiden.

Unser Pfarrer Beyer hatte an diesem Abend recht leichtes Spiel: Denn die Bibel sei, gerade im Alten Testament, auch eine große Geschichtsschreibung - die Geschichte Gottes mit seinem Volk Israel, das immer wieder sündigte, dem von Gott immer wieder vergeben wurde - und es folgte ein neuer Sündenfall. Fazit also: Wir lernen nichts aus der Geschichte? Gott habe gelernt, widersprach Pfarrer Beyer. Er erkannte, es muss einen anderen Weg geben, und sandte seinen Sohn zu den Menschen. Und veränderte die Welt.

Peter Setzmann am Flügel nahm an jenem Oktoberabend in seinem musikalischen Auftakt Bezug zu ganz aktueller, dramatischer Geschichte im Nahen Osten - er spielte die israelische Nationalhymne. Später dann passend „Yesterday“ von den Beatles und zum Schluss Leonard Cohens „Halleluja“.

Bernd Hempelmann

Kultur - Kitt oder Sprengstoff der Gesellschaft?

Der Schriftsteller Christoph Kuhn beim Politischen Nachtgebet am 22.9.2023

 

Da hatte er sich ein großes Thema vorgenommen, der Schriftsteller Christoph Kuhn. Beim Politischen Nachtgebet im September sprach er in unserer Kirche über Kultur. Und nicht nur das - er stellte die Frage, was sie sei: „Kitt oder Sprengstoff der Gesellschaft?“ Fazit in Kürze: Sie ist beides; der Begriff steckt voller verschiedener Bedeutungen und voller Widersprüche, wenn nicht Gegensätze.

„Kultur ist unser tägliches Brot“, sagte Kuhn, „ein gesellschaftliches Grundnahrungsmittel.“ Oder allgemein: „Kultur ist alles, was der Mensch der Natur hinzufügt.“ Aber ein Konsens über den Kulturbegriff sei nicht zu erreichen: „Kultur umfasst das Schöne und das Schreckliche.“ Wie will man auch einen Begriff definieren, der von der „Körperkultur“ über den „Kulturbeutel“, von „Fankultur“ bis „Hochkultur“, „Unkultur“ und „Gegenkultur“, von „Kulturpflanze“ über „Kulturkritik“ und „Kulturkampf“ alles mögliche beschreiben soll. Nicht zu vergessen „Kunst und Kultur“. Die Begrifflichkeiten sind nahezu endlos.

Und so nahm uns der Schriftsteller Kuhn auf sprachlich und intellektuell hohem Niveau mit auf eine „Kul-Tour de force“. Er sprach über die „Ambivalenz der Kultur“, die bewahrend und aufbauend, aber auch zerstörerisch sein könne. Die Kultur bringe die Menschen sowohl zusammen wie auch auseinander - Beispiel: der Fußball, die „Fankultur“; man singt zusammen im Stadion, man prügelt sich draußen vor und/oder nach dem Spiel. Beides gibt es: das Integrierende und die Hooligans unter den Fans. Schwierig, das unter einen „Kulturhut“ zu bekommen.

Das gilt nach Kuhn auch für Kirche und Religion - keine Frage, die beiden gehören zusammen. „Die Kirche hat immer noch eine große Bindungskraft“, meinte er, „aber die Religion hat immer auch Pulverdampf“. Besonders, wenn sie in radikale Hände gerät.

Dann die Sprache, denn natürlich gibt es auch eine „Sprachkultur“. Sie sei „ der elementare Kulturkitt oder Kultursprengstoff“, fand Kuhn und zitierte den amerikanischen Schriftsteller Mark Twain mit dem schönen Satz: „Die Sprache ist die Quelle aller Missverständnisse.“ Worauf sich sogleich die Überlegung anschloss, ob „wir in Deutschland überhaupt noch mit einer Sprache sprechen - blasenbedingt; der Rückzug in die eigene Blase ist keine Lösung“.

Und einem Wort wandte Kuhn sich besonders zu: der Krise. Sie sei immer eine Entscheidungssituation, man könne sie verstärken oder beenden. Deshalb sei der Begriff „Klimakrise“ falsch: „Das Klima verschlimmert sich ständig. Unsere Krise ist die, das zu akzeptieren. Wir sind in einer Krise des Umgangs mit den Schäden, mit unserer Lebensweise.“ Und so kam er schließlich über Kultur und Sprache wieder zurück zur Frage vom Anfang, nämlich bei der Streitkultur: „Ein gelingender Streit kann Gesellschaftskitt sein, wenn ihm der Sprengstoff genommen wird.“ Denn: „Man setzt sich zusammen, um sich auseinanderzusetzen. Wir brauchen eine Kultur des Zuhörens.“

Pfarrer Gabriel Beyer hatte zum Auftakt daran erinnert, dass die Bibel natürlich selbst Teil unserer Kultur ist, und zwar ein ganz wesentlicher. Er nannte die Kirche - egal welcher Konferssion - eine „identitätsstiftende Kraft“ und „die älteste kulturelle Institution, die überdauert hat“. Peter Setzmann am Klavier spielte nicht nur zum Auftakt und Schluss, sondern streute auf Wunsch des Redners auch während des Vortrags immer mal wieder Melodien ein.

Der soll heute auch mal das letzte Wort haben, oder besser Kurt Tucholsky, denn ihn zitierte Christoph Kuhn zum Abschluss: „Danke für die Möglichkeit, hier sprechen zu dürfen. Ich will nicht recht behalten. Diese Sätze sind für die Diskussion bestimmt.“ Ein Ansatz, der bis heute Gültigkeit besitzt - und nicht nur für die „Streitkultur“.

Bernd Hempelmann

„Arme Menschen haben keine Lobby“

Jane Jannke, Redakteurin der Obdachlosen-Zeitung „drObs“, sprach im Juni beim Politischen Nachtgebet

„Wer beschäftigt sich schon gerne mit Elend und Not?“ Diese Frage stellte Jane Jannke, als sie im Juni beim Politischen Nachtgebet sprach. Ihr Thema war Armut und die Frage eher rhetorisch. Denn Armut sei „ein sehr schwieriges und bedrückendes Thema“, und das wird so mancher schon an sich selbst festgestellt haben: Man schaut lieber weg, kauft sich eventuell mit ein bisschen Geld frei - und hat trotzdem noch ein schlechtes Gewissen.

Jane Jannke beschäftigt sich mit Armut, seit sechs Jahren ist die ausgebildete Journalistin als Redakteurin verantwortlich für die Obdachlosen-Zeitung „drObs“, die im Stadtgebiet von Betroffenen verkauft wird. Sie berichtete, wie schnell man aus geordneten Verhältnissen auf der Straße, in Obdachlosigkeit und Armut landen kann - eine schwere, oft eine psychische Erkrankung, ein Schicksalsschlag, Arbeitslosigkeit, Drogen, Alkohol - das könne auch Menschen treffen, die das nie für möglich gehalten hätten.

„Da kommt ein Prozess ins Rollen, der ist schwer wieder aufzuhalten. Und je länger es dauert, desto schwieriger ist es zurückzukommen.“ Das weiß sie aus vielen, auch eigenen Erfahrungen in ihrem Umfeld. Aber Armut in der Gesellschaft sei nicht in erster Linie ein individuelles, sondern ein strukturelles Problem. „Die Politik, die Gesellschaft muss das angehen.“ Arme Menschen hätten keine Lobby. Aus ihrer Sicht reicht zum Beispiel „das Bürgergeld, das wir jetzt haben, nicht“. Die Diskussion um die Kindergrundsicherung macht sie wütend. Gerade bei Kindern müsse man hinsehen „und was tun, wenn sich abzeichnet, dass es Probleme gibt“. Und dann: Dass man monatelang warten müsse auf einen psychischen Beratungstermin - ein großes Problem.

Kritisch sieht sie die Legalisierung von Cannabis - „das wird die Lage noch verschlimmern“. Die Tafeln sind, obwohl sie natürlich eine wichtige Arbeit leisten, für sie ein „Symbol der Armut“. Man sollte sie nicht brauchen. Ebensowenig wie Menschen, die mit Hartz 4 oder Bürgergeld aufstocken müssen: „Zwei Drittel von denen arbeiten.“ Man solle sich doch einmal in die Lage solcher Menschen versetzen: „Niemand will von 502 Euro im Monat, niemand will auf der Straße leben.“ Aber wichtig sei erstmal, dass man offen über das Problem der Armut diskutiere.

Und die Menschen in Armut müssten eine  Stimme haben. Darin sieht auch der Verein „drObs“ mit seiner Zeitung eine seiner Aufgaben. Außerdem unterhält er zwei Sozialarbeiter, berät, gibt Hilfe in prekären Lebenslagen, ist Ansprechpartner, will Menschen helfen, zurückzufinden zu Würde und ins Leben. So hat der Verein auch den Verkauf der Zeitung besser organisiert. Mittlerweile gibt es rund 75 Menschen von jung bis alt, die „drObs“ an festen Stellplätzen anbieten. „Und oft hilft auch ein freundliches Wort“, erklärte Jannke. Nicht nur das Geld zählt, auch die Anerkennung ist willkommen. Anerkennung gab es auch aus dem Kreis der Besucher: Lob für die journalistische Qualität der Zeitung, die doch vor allem von Laien gemacht wird.

Unser Pfarrer Beyer hatte am Anfang die entscheidende Frage gestellt: „Wir wollen als Gesellschaft die Abschaffung der Armut - aber wie ist das zu schaffen?“ Wenn einem doch das Thema unangenehm ist und man lieber wegguckt. Aber Jesus habe deutlich gesagt: „Schaut hin und nehmt die Armut weg.“ Peter Setzmann am Flügel hatte sich an diesem Abend für ein Stück aus Robert Schumanns „Kinderszenen“ entschieden: „Bittendes Kind“. Für Auftakt und Abschluss hatte er Begleitung durch Elke Jahn an der Gitarre - „Les baricades mistérieuses“ des französischen Komponisten François Couperin und von Phil Collins die bittere Ballade „Another day in Paradise“.

Bernd Hempelmann

 

Der Minister und das Sachsentempo

Martin Dulig, zuständig für Wirtschaft, Arbeit und Verkehr, zu Gast beim Politischen Nachtgebet am 26.5.23

„Ohne Kohle, Gas und Öl… wie wird in Sachsen die Transformation der Wirtschaft gelingen?“ Das war das Thema, zu dem Wirtschaftsminister Martin Dulig Ende Mai im Politischen Nachtgebet sprach. Doch es ging nicht in erster Linie um das „ohne“, es ging um das „mit“; und es ging nicht nur um die Transformation der Wirtschaft, es ging um den Umgang mit Veränderungen insgesamt.

Dass auch Sachsen in Zukunft ohne die fossilen Brennstoffe auskommen muss, steht fest. Aber kann der Weg dahin schnell genug gelingen? Sachsen habe noch eine Menge zu tun, sagte der Minister, der Freistaat habe sich zu lange auf die Kohle konzentriert. Gegen den Bau von Windkraftanlagen gebe es in Sachsen die meisten Bürgerinitiativen. „Es geht nicht darum, ob wir ein Windrad schön finden oder nicht; es geht darum, bei der Energieversorgung unabhängiger zu werden“, der Krieg in der Ukraine habe das umso klarer aufgezeigt.

Nun müsse es noch viel schneller gehen. So wie der Bundeskanzler für Deutschland „mehr Tempo verordnet“ habe, so brauche es auch ein „Sachsentempo“. Und Sachsen hat aus Sicht Duligs gute Voraussetzungen - die Lage mitten in Europa, Kontakte ins westliche Europa, aber auch in den Süden und Südosten, innovative Firmen, die hier an der Technik mit erneuerbaren Energien, auch grünem Wasserstoff arbeiten. „Sachsen kann zeigen, dass wir wirklich ganze Versorgungsketten aufbauen können. Wir haben die Kapazitäten, wir haben die Möglichkeiten, wir müssen sie nur nutzen.“ Und man müsse genügend erneuerbare Energie bereitstellen können - „nicht aus der Politik, aus der Wirtschaft kommt der Ruf danach“. Wichtig sei aber auch, die Menschen mitzunehmen - „ohne Zustimmung in der Bevölkerung, ohne Mehrheiten werden wir das nicht schaffen“.

Der Umgang mit dem Thema der Energieversorgung in den letzten Wochen habe ihm Sorgen gemacht, räumte Dulig ein. „Es geht nicht um Ideologien, es geht um das Machbare.“ Auf die Frage, ob man nicht ehrlich sagen müsse, dass das mit Verzicht zu tun haben werde, sagte Dulig, seine Botschaft sei ja, Verhaltensweisen müssten sich ändern, aber warum müsse das Verzicht bedeuten? Es gehe um mehr Lebensqualität, Energiesicherheit, Mobilität - „der Weg dahin muss nicht nur machbar, er muss auch gerecht sein“. Allein auf Vernunft zu setzen, bringe nach seiner Erfahrung nichts. „Die Menschen müssen sehen, dass sie einen Nutzen haben - dann wächst auch die Akzeptanz.“ Die Bereitschaft, sich einzulassen auf Veränderungen.

Neu beim Politischen Nachtgebet an dem Abend war auch ein Gesprächsangebot in der Kirche, das die Junge Gemeinde angeregt hatte. In Gruppen konnten sich die Besucher zusammenfinden, um über das Gehörte miteinander zu reden. Bis der Pfarrer sie wieder zum gemeinsamen Abschluss zusammenrief.

An ein Beispiel für den Mut zur Veränderung aus dem Alten Testament hatte Pfarrer Gabriel Beyer schon bei der Begrüßung erinnert. Als die Israeliten nach Kanaan kamen und dort den einen, ihren Gott mitbrachten gegenüber den althergebrachten Naturgottheiten. Es sei immer wieder Thema im AT, „das unbedingte festhalten Wollen am Alten, am Gewohnten - und der Einladung zum Neuen, das Ungewohnte zu wagen“. Das ließ sich mit dem Lied 395 aus dem Gesangbuch auch schön zum Klingen bringen: „Vertraut den neuen Wegen, auf die der Herr uns weist, weil Leben heißt: sich regen, weil Leben wandern heißt.“ Ein Text übrigens aus dem Jahr 1989.

Nachdem es so viel um Windkraft und offene Fragen gegangen war, hatte Peter Setzmann am Flügel kein Problem, das zum Schluss mit viel Spielfreude umzusetzen: Bob Dylans „Blowing in the wind“. Zum Auftakt hatte er kraftvoll an eine der ganz Großen im Musikgeschäft erinnert, an Tina Turner, die wenige Tage zuvor gestorben war. Der Titel: „Simply the best“ - und wollen wir das nicht alle?

Bernd Hempelmann, Foto: Karla Tolksdorf-Hempelmann

 

Ein Nachtgebet mit Führung durch die Heide

Revierförster Thomas Stelzig sprach über die Zukunft unserer Wälder

Für einen Förster sehen die Jahreszeiten am besten so aus: ein schneereicher, kalter Winter, ein feuchtes Frühjahr, ein regenreicher Sommer, ein feuchter Herbst. Mit dem Frühling 2023 war Thomas Stelzig sehr zufrieden. „Das war ein schönes Frühjahr, alles kommt ganz langsam.“ Thomas Stelzig ist als Förster zuständig für das Revier Bühlau in der Dresdner Heide, und er sprach beim Politischen Nachtgebet im April in unserer Kirche über die Zukunft des Waldes. Der hat es nicht leicht in diesen Zeiten, und die Dresdner Heide schon mal gar nicht: massiv  genutzt für Freizeit und Erholung, für die Waldbewirtschaftung, bedrängt von Klimawandel und Trockenheit… aber Thomas Stelzig, der hier seit mehr als 30 Jahren für ein Areal von knapp 1500 Hektar zuständig ist, war recht optimistisch: „Den Wald wird es auch in 100 Jahren noch geben“, war er sicher. „Er wird nur ganz anders aussehen als heute.“

Noch bestehe die Heide zu 47 Prozent aus Kiefern, erzählte Stelzig. Alle zehn Jahre werde Waldinventur gemacht. Doch dieser Baum werde stark zurückgehen - man will wieder mehr Mischwald, standortnahe Laubbäume. Andere Bäume, die fast verschwunden waren, werden wieder gepflanzt, zum Beispiel die Weißtanne: „Sie hatte hier mal zehn bis 15 Prozent, zur Wende gab es noch ganze acht Stück.“ Der Wald wird wieder vielgestaltiger, mit mehr Baumarten.

Dann die Waldschäden durch Stürme. „2017 ging das los“, sagte Stelzig. Trockenheit schwächt viele Bäume, die Stürme werfen sie um. Kranke Bäume fallen auch eher Schädlingen zum Opfer, ein gesunder hingegen hat Abwehrkräfte. Wie auch der Wald insgesamt - ein gesunder Wald sorgt für sich selbst, bei einem angegriffenen muss man nachhelfen. Einen Hektar aufzuforsten, koste zehn- bis 15.000 Euro, rechnete der Förster vor. „Alles Handarbeit, jede neue Pflanze muss von Hand gesetzt werden.“ Dabei achten die Förster in der Heide immer auf Vielfalt, auf jedem Hektar müssen mindestens fünf Baumarten stehen.

Am Schluss fand Thomas Stelzig auch noch den Bogen vom Wald zur Kirche - viel Holz wird nämlich zum Beispiel gebraucht für die Decken und den Dachstuhl. „Ohne den Wald würde diese schöne Kirche hier nicht stehen“, sagte er. Und das mache ihn auch ein wenig stolz, wenn der Baum erst 100 Jahre im Wald gewachsen ist und dann 300, 400 Jahre noch Dienst tut als sichtbares Bauholz in der Kirche.

Da konnte auch unser Pfarrer Gabriel Beyer sehr schön anknüpfen. Lieder aus dem Gesangbuch zu Wald und Natur fand er einige. Und den Baum in der Bibel als Beispiel für den Menschen. Weil Lied und Wald eben einfach zusammengehören, hatte Peter Setzmann am Klavier an diesem Abend Verstärkung: Die Sängerin Anett Ziller trug drei Stücke vor, vom „Vöglein im hohen Baum“ über „Dich, Du schöner Wald“ bis zu „O Täler weit, o Höhen“.
Und am nächsten Morgen lud Revierförster Stelzig noch zu einer Führung durch die Heide an - knapp zwei Stunden bei schönstem Sonnenschein zeigte er viele Beispiel für das, was er am Vorabend in der Kirche berichtet hatte.

Bernd Hempelmann

 

Warum und wie sich Christen einmischen können

Superintendent Albrecht Nollau zur Frage „Kann Kirche unpolitisch sein?“ im Politischen Nachtgebet am 31.3.2023

Mehrmals war die Rede von Dilemmata, als Albrecht Nollau, Superintendent für Dresden-Nord, Ende März im „Politischen Nachtgebet“ in unserer Kirche sprach. „Kann Kirche unpolitisch sein?“, war die Frage, die er in seinem  Thema stellte. Und da streiten sich eben die Geister - die einen fordern, Politik habe in der Kirche nichts zu suchen, man suche einen Ort der Gemeinschaft, wolle „zur Ruhe kommen“ im Gottesdienst; die anderen wollen und müssen sich engagieren: für Klimaschutz, für Flüchtlinge und den Umgang mit ihnen, für Frieden und im Streit um Waffenlieferungen… 

Nollau räumte ein, für beide Positionen gebe es Argumente. Er erinnerte sich an einen Hinweis in einem Kirchen-Schaukasten: „Hier gibt es keine Politik von der Kanzel“ - was von den einen mit Erleichterung, von den anderen mit Empörung aufgenommen worden sei.

Also was tun? Nollau stellte klar, die Kirche -  wenn auch eine große, wichtige Institution - habe keine konkrete politische Macht: „Sie ist keine Partei, ist in keinem Parlament.“ Gleichwohl gebe es Christen in politischen Parteien und mit unterschiedlichen Einstellungen. So sei die Kirche zugleich Gemeinschaft und aber auch vielfältig, ein Ort der Debatte, möglichst „im herrschaftsfreien Dialog“. Wo man sich auseinandersetzen könne, ohne sich anzuschreien. Sie beteilige sich an Debatten und Demonstrationen, aber „die Kirche kann nicht Gewalt zur Durchsetzung von Forderungen anwenden - wir haben das Wort und nur das Wort“.

Die Predigt bedürfe deshalb besonderer Aufmerksamkeit, argumentierte Nollau. „Politikschelte hat auf der Kanzel nichts zu suchen, die Fürbitte für politisch Verantwortliche schon.“ Denn die Politik betreffe alle Menschen. Sie sei „die Gestaltung des Zusammenlebens durch Regeln und Kommunikation und eine Technik, unterschiedliche Interessen zu verbinden“. Die Kirche sei Teil eines Netzwerks zwischen engagierten Menschen, meinte Nollau, aber immer sollte erklärbar sein, „warum wir als Christen uns einmischen, mitreden, protestieren - immer in Bezug zur Bibel“.